HARBOUR OF VOICES – 8 Künstler:innen eine Insel
Dekonstruktion von „Heimat“
„Heimat.“
Was bleibt von diesem Wort, wenn wir unsere eigenen Bilder und Erinnerungen hinterfragen, auseinandernehmen und neu zusammensetzen?
Mit HARBOUR OF VOICES haben wir den kitev-Turm in Oberhausen zu einer temporären Insel für acht Künstler gemacht. Über mehrere Monate haben wir uns mit einem Begriff beschäftigt, der für jede Person etwas anderes bedeutet und gleichzeitig gesellschaftlich und politisch aufgeladen ist.
Uns ging es von Anfang an nicht darum, „Heimat“ gemeinsam zu definieren oder Antworten vorzugeben. Wir wollten einen Raum schaffen, in dem unterschiedliche Erfahrungen, Erinnerungen und Perspektiven Platz haben. Denn „Heimat“ kann für Zugehörigkeit und Vertrautheit stehen, aber genauso mit Verlust, Ausgrenzung oder gesellschaftlichen Erwartungen verbunden sein.
Wer entscheidet eigentlich, wo wir hingehören? Was passiert, wenn vertraute Orte oder Menschen nicht mehr da sind? Und brauchen wir überhaupt eine „Heimat“?

Der künstlerische Prozess
In Workshops, Gesprächen und während der gemeinsamen Residenzzeiten haben wir ausprobiert, hinterfragt und entwickelt. Dabei war uns wichtig, dass alle ihren eigenen Zugang finden konnten, ohne den Anspruch, am Ende zu einer gemeinsamen Aussage kommen zu müssen.
Besonders interessant war für uns zu beobachten, wie viele Künstler:innen ihre vertrauten Arbeitsweisen verlassen und neue Ausdrucksformen ausprobiert haben. Musiker begannen beispielsweise, mit Video zu arbeiten, weil der Wunsch groß war, Erinnerungen und Gefühle aus der Vergangenheit nicht nur hörbar, sondern auch in Bildern sichtbar zu machen.
Melike Kalelioğlu hat persönliche Videoaufnahmen aus ihrer Kindheit eingebracht und mit Gedichten, Sprache und Klang verbunden. Esra Elmaci, die vor allem schreibt, hat sich für Bild und Tanz entschieden und damit einen anderen Zugang zu ihren Gedanken und Erfahrungen gefunden.
Zwischen Ruth Bamberg und Mari van DUS entstand eine enge künstlerische Zusammenarbeit, bei der Bild und Klang zusammengefunden haben. Ruth bezog außerdem den Schauspieler Jonathan Bamberg ein, dessen gesprochener Text Teil einer ihrer Videoarbeiten wurde. Aus dem gemeinsamen Austausch entwickelte Mari auch ihre eigene Soundcollage.
Dass Zusammenarbeit nicht unbedingt persönliche Begegnung voraussetzt, haben wir mit Oleg Iakovlev erlebt. Obwohl er während der Residenz nicht vor Ort war, unterstützte Mari seine Arbeit, indem sie Aufnahmen für seine Klanginstallation im Wassertank vorbereitete. Für uns hat das gezeigt, dass auch über Distanz Verbindungen entstehen können und gegenseitige Unterstützung nicht davon abhängt, am selben Ort zu sein.
Andere Künstler:innen haben sich wiederum bewusst dafür entschieden, ihre Arbeiten eigenständig zu entwickeln.
Zwischen Gemeinschaft und persönlichem Safer Space
Im Laufe der Residenz wurde deutlich, wie unterschiedlich die Bedürfnisse innerhalb eines gemeinsamen künstlerischen Prozesses sein können.
Für einige war der kollektive Austausch besonders wichtig. Sie wollten gemeinsam Ideen entwickeln, sich gegenseitig inspirieren und Neues ausprobieren. Andere brauchten einen persönlichen Safer Space, um sich mit eigenen Erinnerungen und Erfahrungen auseinanderzusetzen.
Wir wollten beidem Raum geben.
Gerade bei einem Thema wie „Heimat“, das eng mit der eigenen Geschichte und Fragen nach Zugehörigkeit verbunden ist, finden wir es wichtig, dass jede Person selbst entscheiden kann, wie viel sie teilen möchte.
Acht Perspektiven, keine gemeinsame Definition
Aus dieser Zeit sind Video- und Soundarbeiten, Klanginstallationen, Tanz und audiovisuelle Performances entstanden.
Was uns daran besonders interessiert, sind nicht nur die fertigen Arbeiten, sondern auch die Wege dorthin. Dazu gehört, dass Künstler:innen neue Ausdrucksformen ausprobiert haben, dass aus Begegnungen Zusammenarbeit entstanden ist und gleichzeitig Platz für eigenständige, sehr persönliche Prozesse geblieben ist.
Mit HARBOUR OF VOICES möchten wir diese unterschiedlichen Perspektiven zusammenbringen, ohne sie zu vereinheitlichen.
Wir haben keine gemeinsame Definition von „Heimat“ gesucht. Stattdessen haben wir erlebt, wie unterschiedlich Menschen mit diesem Begriff umgehen und was entstehen kann, wenn wir einander Raum geben, eigene Wege zu gehen und trotzdem miteinander verbunden zu bleiben.
HARBOUR OF VOICES
23.–25. Oktober 2026
Unterhaus Galerie & kitev-Turm Oberhausen
Künstler:innen
Oleg Iakovlev · Sonia Maslon · Esra Elmaci · Ruth Bamberg · Mari van DUS · Melike Kalelioğlu · safecall777 · ArtEh
Weitere künstlerische Mitwirkung
Jonathan Bamberg
Design Poster und Reel
Matilda Greiner
Konzeption & Kuration
Deniz Czempik
Besonderer Dank an kitev – Kultur im Turm e. V. für die Bereitstellung der Räume und Ressourcen, die HARBOUR OF VOICES und den gemeinsamen künstlerischen Prozess möglich gemacht haben.
Gefördert durch
Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen
Oleg Iakovlev
Oleg Iakovlev is a multidisciplinary visual artist, documentary filmmaker, photographer, and urban researcher, currently based in Tel Aviv. His creative practice explores identity, home, language, and memory. His artistic journey has been shaped by residencies, including a 2022 scholarship from Bauhaus University of Weimar for his documentary "Lucky Break", which delves into personal identity. Oleg’s work has been exhibited in London, Berlin, Moscow and Paris, with notable projects including “The Favorite Place”, a documentary series capturing the emotional connection people have with their cities. His recent work includes the short documentary “Life Must Go On”, which follows a family affected by the Hamas attack in Israel and was screened at 15 festivals around the globe.


Sonia Maslon / sunma___
ist in NRW ansässig und bewegt sich zwischen Tanz, DJing und sozialer Praxis, mit einem Fokus auf Empowerment und Teilhabe. Im Zentrum ihrer künstlerischen Arbeit stehen Körper, Klang, Emotion und Raum.
Improvisation ist für sie eine Möglichkeit, innere Zustände sichtbar und körperlich erfahrbar zu machen. Tanz wird dabei zu einer Form des Ausdrucks jenseits von Sprache – besonders dort, wo Worte fehlen. In ihren Arbeiten verbindet sie Bewegung, elektronische Klänge, Licht und räumliche Situationen zu offenen, atmosphärischen Erfahrungen.
Im Projekt „Harbour of Voices“ setzt sie sich mit dem Begriff Heimat auseinander und fragt: Was bedeutet Heimat für mich? Wo beginnt und endet das Gefühl, irgendwo dazuzugehören? Und muss Heimat überhaupt an einen bestimmten Ort gebunden sein? In ihrer Tanz-Performance begibt sie sich auf die Suche danach, Heimat in sich selbst zu finden – als Gefühl von Sicherheit, Verbindung, Vertrauen und Ankommen im eigenen Körper.
Esra Elmaci / esravagantt
Esra Elmaci / esravaganttEsra Elmaci ist Sozialwissenschaftlerin, Autorin, Moderatorin und Referentin aus Bochum. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen, Zugehörigkeit, Identität und der Frage, wessen Perspektiven sichtbar und gehört werden.Schreiben ist dabei ein wichtiger Teil ihrer Arbeit. Ihre Texte verbinden persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlichen Fragen und bewegen sich zwischen Lyrik, Reflexion und politischen Themen. Außerdem gibt sie Workshops zu Antidiskriminierung, Empowerment und kreativem Schreiben und arbeitet dabei unter anderem mit Amnesty International zusammen. Als Moderatorin gestaltet sie verschiedene Kultur- und Community-Formate, unter anderem am Kunstmuseum Bochum. 2025 initiierte sie das Zine „OUR WORDS“, das sie als Kuratorin und Herausgeberin begleitete und in dem Texte, Fotografien und Collagen von FLINTA* Künstler*innen zusammenkommen.Bei „Harbour of Voices“ beschäftigt sie sich mit dem Gefühl des Dazwischenseins. Zwischen verschiedenen Orten und Sprachen, zwischen einem Zuhause und einem Zuhause, zu dem man vielleicht nicht mehr zurückkehren kann. Sie interessiert dabei besonders die Idee von Bewegung und Wiederholung. Eine Reise muss nicht immer von einem Ort zum anderen führen, sondern kann auch ein Kreisen um Erinnerungen, Sprache und Zugehörigkeit sein. Im Mittelpunkt steht für sie die Frage, was Heimat bedeutet, wenn sie nicht eindeutig an einen Ort gebunden ist.

Mari van DUS
Mari van DUS~~,~~ ist als Künstlerin, Musikaktivistin, Musikproduzentin und DJ tätig. Geprägt wurde sie durch die Metropolregion am Niederrhein, in der sie stark verwurzelt ist. Unter anderem hat sie hier female:pressure [nrw] mitbegründet, ein FLINTA* Netzwerk für elektronische Musikproduzentinnen, digitale Künstlerinnen und DJs. So stellt sie dort im Podcast regelmäßig neue Artists vor.
Website: marivandus.com
Ruth Bamberg / seinundmedien
Ruth Bamberg ist Medienkünstlerin aus Duisburg und arbeitet seit über 35 Jahren mit bewegtem Bild. Seit ihrem Studium des Elektronischen Bildes an der HfG Offenbach hat sie jede technische Verschiebung mitvollzogen: Videomontage, mehrkanalige Installation, Virtual Reality, generative KI. Ebenso lange schafft sie Räume für gemeinsames Arbeiten: 1994 die Künstlergruppe Androgyn, 1997 die Videowerkstatt Kupferhütte, heute die offene Medienwerkstatt basaca beim Bahtalo e.V. in Duisburg-Rheinhausen.
Im Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ begleitete sie die Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen. Daraus entstanden „Lob-Preis“ (2020/21) und der Kurzfilm „Both Sides Now“ (2025). Der Fotozyklus „Last Generation“ (2022–2024) führte sie an Orte, an denen Heimat gewaltsam ausgelöscht wurde: Oradour-sur-Glane, Utøya, Auschwitz-Birkenau.
Bei „Harbour of Voices“ entwickelt sie eine Videoarbeit über Heimat als etwas Gesprochenes und Gehörtes. Der Schauspieler Jonathan Bamberg gibt dem Text Stimme und Emotion, die Musik entsteht gemeinsam mit Mari van DUS. Die Arbeit fragt, ob Heimat ein Ort ist oder eher ein Echo, das man mit sich trägt.


Safecall777
safecall777 explores musical influences reflecting the feeling of home. Moving between ambient textures, trip hop, future beats and UK garage, the sound evokes belonging through low bass pulses, distant echoes and shimmering tones. In the second part of “Heimat Deconstructed”, familiar elements are transformed into an immersive soundscape. Inside the water tank it travels through the body, as woven memories shift into the sensation of being held by a place while floating.
@safecall777
ArtEh?
ArtEh is a Ukrainian actor and music producer who moved to Germany in 2023 and has been actively developing his musical language ever since. As an actor, he brings a theatrical touch to his music.
Together with Anastasiia Chereshenka, he co-created SwoєRidne, a project that blends Ukrainian classics with techno music, bringing Ukrainian traditions into dialogue with club culture.


Melike Kalelioğlu
wuchs als Kind einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters in Deutschland auf. Derzeit wohnt sie in Duisburg, wo sie in unterschiedlichen kulturellen und künstlerischen Bereichen tätig ist. Unter anderem betreibt sie eine kleine Schmuckmanufaktur und organisiert als Violinistin eine monatliche Jamsession und ist in mehrere soziokulturelle Projekte eingebunden.
In ihrer audiovisuellen Installation für „Harbour of Voices“ beschäftigt sie sich mit der Frage nach dem Begriff „Heimat“, der in ihr mehr Fragezeichen als Antworten aufwirft und für sie stets eine diffuse Leerstelle blieb. Für sie verkörpert der Begriff mehr ein nostalgisches Gefühl, ein Konstrukt, als einen konkreten Ort. Ein Gefühl der Nostalgie, der Wunsch nach Geborgenheit, Identifikation und Akzeptanz – wie die verschwommene Erinnerung an eine glückliche Kindheit.
Dieser Leerstelle versucht sie sich anzunähern – mal liebevoll und mit Humor, mal melancholisch und ernst. Die Grundlage für diese Arbeit lieferten ihr alte Videoaufnahmen ihres Vaters aus den 80er und 90er Jahren, die sie zu einer Collage verarbeitet hat.
Dort treffen Impressionen und Erinnerungen aus ihren beiden „Heimatländern“, sowie der ganz persönlichen Lebensgeschichte ihrer Familie aufeinander. Gedichte und Soundschnipsel aus den kulturellen Töpfen werden zusammengeworfen, Bilder aus verschiedenen Zeiten überlagern sich. So entsteht ein Geflecht aus (nur) scheinbaren Gegensätzen – die Ungereimtheit der Dualität im Entweder-Oder transzendiert in die Möglichkeit einer Gleichzeitigkeit des Sowohl-Als-Auch.
„Eine Heimat im Außen? Was soll das sein? Bin ich in mir selbst beheimatet? Ich weiß nicht, ob ich eine Heimat habe, vielleicht mehrere, vielleicht eine kleine blaue Kugel, die durch ein unendliches Universum treibt und auf der komische kleine Äffchen leben ... aber ich glaube, ich hatte durchaus ein Heim. Dort wurde gelacht, geweint, gestritten, geliebt & gelebt.“